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Merz hat in China mehr Verhandlungsmacht, als viele denken

FOCUS online Blogartikel vom 26.02.2026

Wenn Merz in Peking antritt, geht es um mehr als Exportzahlen: Die EU hat Hebel – und China ist abhängiger von Europa als viele denken.

Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz in diesen Tagen in China auftritt, ist das mehr als ein Pflichtbesuch im Kalender der Außenwirtschaft. Es ist ein Testfall. Kommt er als Bittsteller, weil Deutschlands Industrie Absatz, Vorprodukte und Ruhe an der Handelsfront braucht. Oder kommt er als Verhandler auf Augenhöhe, der Pekings Abhängigkeiten kennt und Europas Hebel einsetzen kann.

Schon der Terminplan zeigt, wie groß die Erwartungen sind. Merz‘ China-Reise geht vom 24. bis 26. Februar. Stationen sind Peking und Hangzhou. Für die politische Dramaturgie ist damit klar, am zweiten Tag fällt der zentrale Teil der Gespräche. Und damit fällt auch die Entscheidung, welche Rolle Merz in diesem Machtspiel einnimmt.

Abhängigkeit von China – doch Europa hat unterschätzte Stärke

Die öffentliche Debatte kreist seit Jahren um Europas Verwundbarkeit. Seltene Erden, Batterierohstoffe, Solar und Vorprodukte, Komponenten für Elektronik. Das sind Felder, in denen China dominieren kann. Diese Abhängigkeiten sind real und Berlin kennt sie aus bitterer Erfahrung. Doch das Bild ist unvollständig. In Brüssel wurden Lieferketten systematisch kartiert. Das Ergebnis ist politisch brisant. Auch China hängt in kritischen Bereichen an europäischen Zulieferungen und Technologien.

In der internen EU Auswertung werden neben bekannten Produktionsprozessen für Halbleiter auch ganze Bündel schwer ersetzbarer europäischer Stärken genannt. Hochspezialisierte Maschinen und Anlagen, bestimmte Chemikalien, Laser, Komponenten für Bahn und Industriesysteme, teils auch Vorprodukte für Pharma und Medizintechnik. Kurz gesagt. Europa ist nicht nur Markt. Europa ist in Teilen auch Engpass.

Genau hier liegt auch die Stärke für Deutschlands Interessen. Merz Hebel liegt in der Gegenseitigkeit. Wer ständig nur die eigenen Risiken betont, macht sich klein. Wer Chinas Abhängigkeiten mitdenkt, tritt souveräner auf und lässt sich weniger unter Druck setzen.

Merz hat gegenüber China mehr Verhandlungsmacht als viele denken

Zu diesen Abhängigkeiten kommt ein Machtfaktor, den Europa oft unterschätzt. Der Binnenmarkt. Wer in Europa verkaufen will, will nicht irgendeinen Absatzraum, sondern einen der kaufkräftigsten Märkte der Welt. Zugang zu diesem Markt ist für China wirtschaftlich wertvoll. Und politisch verwundbar, weil Einschränkungen dort direkt auf Wachstum und Beschäftigung durchschlagen.

Hinzu kommt, dass Europa seine Regeln exportiert, ohne sie exportieren zu müssen. Viele globale Unternehmen richten sich nach EU Standards, weil sie sonst den Marktzugang verlieren. Das macht Regulierung zu einem Druckpunkt, leise, aber wirksam. Und es betrifft genau jene Zukunftssektoren, in denen China auf Skalierung angewiesen ist.

Technologie ist ein weiterer Hebel. Europa kann bei sensiblen Gütern genauer prüfen und im Zweifel begrenzen, was exportiert wird. Das ist selten ein Thema für die Schlagzeile, in High Tech Gesprächen aber ein harter Faktor. Denn wer bestimmte Schlüsselmaschinen, Präzisionsbauteile oder Software braucht, hat am Verhandlungstisch weniger Spielraum für Druck und Drohungen.

Und schließlich wird Klimapolitik zur Handelspolitik. Wenn CO2 Kosten und Nachweispflichten für bestimmte Importe steigen, trifft das auch chinesische Exporteure in energieintensiven Branchen. Für Peking wird der Zugang zum EU Markt damit nicht nur eine Frage des Preises, sondern der Nachweise und der Standards. Auch das ist Verhandlungsmacht.


Den vollständigen Artikel, der im Focus Online am 25.02.2026 erschienen ist, finden Sie hier.



Thorsten Hofmann, C4 Center for Negotiation

Thorsten Hofmann ist Lehrbeauftragter für wirtschaftliches und politisches Verhandlungsmanagement und Krisenkommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin. Er leitet das C4 Center for Negotiation.

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