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Madman oder TACO-Man: Was man von Trump lernen kann

Madman oder TACO-Man

Drohungen sind die lauteste Währung der Verhandlung und zugleich die fragilste. Donald Trumps Umgang mit dem Iran zeigt exemplarisch, wie schnell Drohpolitik an Wirkung verlieren kann, wenn sie als Muster erkennbar wird.

Eine Auflistung der letzten sechs öffentlich dokumentierten Iran-Episoden zeigen dies: maximaler Ton, Ultimatum, dramatische Eskalation und am Ende Aufschub, Gesprächsangebot oder höchstens begrenzte Aktionen statt der angekündigten „finalen“ Konsequenz.

  1. Am 22. März setzte er ein Ultimatum zur Straße von Hormus und flankierte es mit der Ankündigung, iranische Kraftwerke anzugreifen. Später folgten Fristverlängerungen – eine Umsetzung blieb aus.
  2. Am 7. April wurde die Rhetorik noch drastischer („eine ganze Zivilisation auslöschen“), kurz darauf kam es jedoch zu einer Waffenruhe und die Märkte entspannten sich.
  3. Auch am 20. und 21. April folgten auf Aussagen wie „Ich erwarte, zu bombardieren“ kein Angriff, sondern eine Verlängerung der Feuerpause „auf unbestimmte Zeit“.
  4. Am 29. April inszenierte Trump seine Drohung mit „No more Mr. Nice Guy“ und einem KI-Bild, militärisch geschah nichts.
  5. Am 4. Mai sprach er im TV-Interview davon, der Iran könne „von der Erde gefegt“ werden, kurz darauf endete „Project Freedom“ unter Verweis auf Diplomatie.
  6. Und auch nach der Ankündigung vom 7. Mai, nun „viel härter und viel gewaltsamer“ vorzugehen, folgten zwar defensive Gegenschläge, aber kein großangelegter Angriff.

In den USA kursiert für genau dieses Muster längst ein Kürzel: TACO – „Trump Always Chickens Out“, also: maximal drohen, dann zurückziehen.

Ein regelmäßiges Muster

In jeder Drohung liegt ein strategischer Knackpunkt: sie wirkt nur, solange unklar bleibt, ob sie tatsächlich umgesetzt wird. In Verhandlungen zählt nicht, wie hart etwas klingt – sondern wie glaubwürdig die Kosten sind, die beim Nicht-Nachgeben wirklich eintreten. Glaubwürdigkeit entsteht durch Konsistenz, Fähigkeit und Bereitschaft zur Umsetzung.

Wird aber über mehrere Runden beobachtet, dass:

  • Fristen verlaufen,
  • Ultimaten nachverhandelt werden,
  • Deeskalation regelmäßig die Schlusspointe ist,

…dann passiert etwas Entscheidendes: Die Gegenseite preist die Drohung als „Rauschen“ ein. Und sie kann sogar strategisch damit spielen: abwarten, den Drohenden „austicken“ lassen, die nächste Verlängerung einkalkulieren.

Das ist die paradoxe Pointe von Drohungen: Sie sollen Handlungsfähigkeit und Macht demonstrieren. Das Risiko ist allerdings, wenn sie nicht eingelöst werden, dann beweisen sie das Gegenteil. Dann wird jede neue Drohung teurer: Man muss noch lauter werden, um überhaupt noch Wirkung zu erzeugen. Das treibt Eskalationsspiralen nach oben und die Glaubwürdigkeit nach unten. Berechenbarkeit wird die Konsequenz. Dabei kann Unberechenbarkeit auch ein Machtinstrument sein.

Die Madman-Theorie: Unberechenbarkeit als Machtinstrument

Die Madman-Theorie wird häufig dem ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon zugeschrieben. Die Grundidee ist einfach: Ein Gegner soll glauben, dass der Drohende möglicherweise irrational handelt und deshalb auch vor extremen Schritten nicht zurückschreckt.

Wer als unberechenbar wahrgenommen wird, muss seine Drohungen nicht ständig beweisen. Die bloße Möglichkeit einer Eskalation reicht aus, um den Gegner vorsichtiger werden zu lassen.

Trump ist ein großer Anhänger dieser Theorie und hat dieses Prinzip über Jahre kultiviert. In seiner „America First“-Rede sagte er: „We must as a nation be more unpredictable“. 2024 formulierte Trump die Logik auch sehr direkt gegenüber China/Taiwan: Er sagte, militärische Gewalt gegen eine chinesische Taiwan-Blockade sei nicht nötig, weil Xi Jinping ihn respektiere und wisse, dass er „f— crazy“ sei. Seine politischen Gegner, Verbündeten und Verhandlungspartner sollten nie genau wissen, was als Nächstes passiert. Die Unsicherheit selbst wurde zum strategischen Instrument.

Doch genau hier liegt die Schwachstelle der Strategie: Unberechenbarkeit funktioniert nur, solange sie glaubwürdig bleibt.

Wenn wiederholt beobachtet wird, dass drastischen Ankündigungen keine entsprechenden Taten folgen, verändert sich die Wahrnehmung. Aus dem vermeintlich irrationalen Akteur wird ein berechenbarer Akteur. Der Gegner erkennt ein Muster. Statt Angst vor einer unkontrollierbaren Eskalation entsteht die Erwartung, dass letztlich doch wieder deeskaliert wird. Aus dem „Madman“ wird ein Schauspieler, dessen Drehbuch durchschaubar ist.

Drohungen sind nicht nur „hart“, sie sind hochtoxische Verhandlungsinstrumente

Wer am Verhandlungstisch maximal eskaliert, erhöht die Gefahr von Fehlkalkulationen und nimmt sich selbst den Rückweg. Gleichzeitig verschiebt sich der Konflikt weg von Interessen hin zu Identität und Prestige. Nachgeben wirkt dann wie Demütigung, Kompromisse werden politisch und psychologisch teurer. Und jede Drohung, die nicht eingelöst wird, frisst an der eigenen Glaubwürdigkeit. Irgendwann bleibt nur die Wahl zwischen noch drastischerem Ton oder einem sichtbaren Autoritätsverlust. Dazu kommt ein weiterer Effekt: Wer Druck zur Standardsprache macht, bringt dem Gegenüber bei, ebenfalls nur noch in Druck zu denken.

Drohungen sind nicht einfach nur die harte Variante der Argumentation. Sie sind ein riskantes Mittel, das schnell mehr kaputtmacht, als es kurzfristig an Wirkung bringt.

Drohungen sind in Verhandlungen kein normales Werkzeug, sondern ein Hochrisiko-Instrument. Wer sie regelmäßig einsetzt, verwandelt sie in Lärm. Und Lärm lässt sich ignorieren.

Von Trump lernen heißt scheitern lernen.

Verhandlungen sind Lernsysteme. Die Gegenseite beobachtet nicht nur, was gesagt wird, sondern welche Konsequenzen daraus entstehen. Wenn auf maximale Rhetorik wiederholt Fristverlängerungen, Gesprächsangebote oder begrenzte, symbolische Antworten folgen, entsteht ein Muster. Dieses Muster ist analysierbar, planbar, ausnutzbar. Die Drohung wird dann nicht mehr als ernstzunehmendes Kostenrisiko bewertet, sondern als Bestandteil einer Choreografie, die verlässlich in eine Ausweichbewegung mündet. Aus Druck wird Erwartungsmanagement.

Das hat drei Folgen. Erstens verschiebt sich die Reaktion von Respekt zu Taktik: Man wartet ab, testet Grenzen, streckt Zeit und kalkuliert den nächsten Rückzieher ein. Zweitens muss jede neue Drohung drastischer ausfallen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erzeugen. Damit steigt die Eskalationsrhetorik schneller als die tatsächliche Eskalationsbereitschaft, was Fehlkalkulationen wahrscheinlicher macht. Drittens erodiert die eigene Position strukturell, weil Glaubwürdigkeit nicht langsam, sondern sprunghaft verloren geht, sobald Worte und Handlungen auseinanderlaufen.

Die entscheidende Lehre ist deshalb kühl und simpel. Wer Drohungen zur Routine macht, liefert dem Gegenüber Datenpunkte. Wer Datenpunkte liefert, wird berechenbar. Und wer berechenbar ist, verliert die einzige Ressource, die Drohungen überhaupt tragen könnte: den Zweifel daran, ob diesmal tatsächlich gehandelt wird. Genau so wird aus demonstrierter Härte eine kalkulierbare Schwäche. Von Trump lernen heißt scheitern lernen, weil man dabei lernt, wie man Glaubwürdigkeit verbrennt.


Thorsten Hofmann, C4 Center for Negotiation

Thorsten Hofmann ist Lehrbeauftragter für wirtschaftliches und politisches Verhandlungsmanagement und Krisenkommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin. Er leitet das C4 Center for Negotiation.

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