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„Washington ist verwundbar“: Experte sagt, was Europa gegen Trumps Erpressung tun muss

FOCUS online Blogartikel vom 19.12.2026

Trump setzt Europa mit Strafzöllen unter Druck, um Grönland zu bekommen. Es geht nicht um Handel, sondern um Erpressung. Warum die EU jetzt standhaft bleiben muss – sonst wird diese Methode zur neuen Norm.

Donald Trump macht aus Geopolitik eine Rechnung. Erst droht er, dann setzt er Termine: 10 Prozent Strafzoll ab 1. Februar, 25 Prozent ab 1. Juni auf Waren aus Dänemark, Deutschland und weiteren europäischen Nato-Staaten, falls es kein „Abkommen“ über einen US-Kauf Grönlands gebe. Wer das als gewöhnlichen Handelsstreit abtut, verkennt die Logik dahinter. 

Wenn er Strafzölle als Hebel einsetzt, um Dänemark und andere europäische Staaten zu einem „Abkommen“ über Grönland zu bewegen, dann ist das aus Verhandlungssicht keine normale Handelspolemik, sondern Zwangsdiplomatie: Markt-Zugang wird zur Waffe, um sicherheits- und territorialpolitische Ziele zu erzwingen.

Wenn Europa Trump belohnt, lädt es ihn zu Wiederholung ein

Die entscheidende Frage für Europa lautet deshalb nicht: „Wie sehr schmerzen 10 oder 25 Prozent Zoll?“ Sondern: Welche Logik akzeptieren wir als neue Norm? Denn wer diese Methode belohnt, lädt zur Wiederholung ein. Europa muss darauf reagieren, aber nicht mit Empörung, sondern mit Strategie.

In Verhandlungen zählt weniger, was gesagt wird, als das, was als Mechanismus etabliert wird. Trumps Mechanismus ist simpel: „Wenn ihr nicht liefert, erhöhe ich eure Kosten.“ Das ist ein Test, ob die EU bereit ist, Sicherheitsfragen wie eine Handelsware zu behandeln. Die Gefahr ist dabei weniger der Zollsatz selbst als die Methode. Denn wer sich einmal erpressen lässt, signalisiert: Druck lohnt sich. Psychologisch ist das so wirksam, weil es die Gegenseite in eine Verliererrolle drängt: Wer nachgibt, bestätigt die Methode und wird beim nächsten Konflikt wieder dort gepackt.

ür Europa ist das gefährlich, weil es die Debatte verschiebt: Nicht mehr Regeln und Bündnislogik definieren den Rahmen, sondern die Frage, wer den größeren wirtschaftlichen Schmerz aushält. Genau so entstehen erpresserische Dynamiken: schnell, laut, und mit hoher Eskalationsneigung.

Nachgeben erhöht Eskaltionswahrscheinlichkeit 

Das größte Risiko wäre nicht der Zollsatz, sondern der Präzedenzfall: Wenn ein Nato-Partner mit wirtschaftlichem Druck zu territorialen oder sicherheitspolitischen Konzessionen gedrängt werden kann, dann wird dieses Drehbuch künftig auch auf andere Themen angewandt: Verteidigung, Tech-Regeln, Ukraine-Politik, China-Strategie. In Verhandlungen nennt man das das Präzedenzfall-Problem: Ein Zugeständnis heute erzeugt Erwartungen für morgen. Und Erwartungen sind in Machtspielen oft stärker als Verträge.

Nachgeben senkt die Eskalationswahrscheinlichkeit nicht, es erhöht sie: Der Gegenspieler lernt, dass Drohungen Rendite bringen.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt, den Trump erfahrungsgemäß gezielt ausnutzt: Europas innere Spaltbarkeit. Staaten, die stärker betroffen sind, drängen auf Sonderdeals und Brüssel spricht nicht mehr mit einer Stimme, sondern im Chor widersprüchlicher Interessen. Genau diese Fragmentierung ist Europas strukturelle Schwäche und Trumps stärkster Hebel.

Viele Europäer schauen reflexhaft auf die eigene Verletzlichkeit: Energie, Rohstoffe, Technologie. Doch Verhandlungsmacht entsteht auch aus dem Blick in die Gegenrichtung: Wo sind die USA von Europa abhängig? In Brüssel wird das inzwischen systematischer kartiert.

Der Ansatz ist nicht neu, aber für Europa ungewohnt offensiv. In der EU wird dabei ausdrücklich auf Japan geschaut: Tokio hat wirtschafts- und sicherheitspolitische Instrumente verzahnt, kritische Technologien identifiziert, Lieferketten abgesichert und gezielte Exportkontrollen aufgebaut mit dem Ziel, technologische Schlüsselpositionen als strategischen Faktor zu nutzen.

Experte Thorsten Hofmann: 3 Tipps, wie sich Europa jetzt richtig verhält

Die interne EU-Perspektive setzt genau dort an: „schwer ersetzbare“ europäische Exporte – hochspezialisierte Maschinen, Präzisionssensorik, Spezialchemie, Laser, Komponenten für Infrastruktur und Industrie, Spezialstahl, Hochleistungs-Kugellager. Und der politisch brisanteste Ansatz in dieser Logik lautet: Auch Washington ist bei kritischen Vorprodukten und Leistungen verwundbarer, als es im transatlantischen Selbstbild oft vorkommt.

Das ist machtpsychologisch entscheidend: Wer die Verwundbarkeit des Gegenübers kennt, verhandelt nicht mehr defensiv, sondern kann die Optionen des Gegners konditionieren.

Erstens: Nicht moralisch argumentieren, sondern Kosten und Alternativen setzen. Trumps Ansatz ist transaktional. Europas Antwort muss zeigen: Zwang ist am Ende teurer als ein Deal.

Zweitens: Glaubwürdigkeit schlägt Lautstärke. Drohkulissen wirken nur, wenn der Gegner glaubt, dass Europa sie auch durchzieht. Halbdrohungen sind das Beste, was man dem anderen schenken kann: Sie verraten Angst, ohne Wirkung zu entfalten.

Drittens: Einheit ist ein Machtmultiplikator. Schon das sichtbare Management innerer Konflikte erhöht den Preis der US-Strategie. Wer Europa spalten will, muss dafür politisch zahlen.

Der Werkzeugkasten gegen wirtschaftliche Erpressung und warum er Trump trifft

Europa hat mehr als Gegenzölle. Der moderne Werkzeugkasten kombiniert Präzision (zielgenau) mit Eskalationsfähigkeit (glaubwürdig). Europa sollte dabei nicht in Trumps Tempo verfallen aber auch nicht in Passivität. Sinnvoll ist eine mehrstufige Strategie:

1. Einheit herstellen, bevor man droht. Bevor Brüssel Maßnahmen ankündigt, muss es die innere Kostenverteilung klären. Sonst lädt man Washington ein, einzelne Hauptstädte gegeneinander auszuspielen. In jeder Zwangsverhandlung gilt: Wer zuerst intern streitet, verhandelt extern schwach.

2. Das Anti-Coercion Instrument (ACI): Ein EU-Mechanismus gegen wirtschaftliche Nötigung, der Maßnahmen erlaubt, die über Warenzölle hinausgehen, etwa bei Dienstleistungen, Investitionen oder öffentlichen Aufträgen für US-Firmen. Der strategische Vorteil: Er verlagert das Duell weg vom bilateralen Schlagabtausch hin zu einem institutionalisierten EU-Prozess und nimmt dem Gegner die Chance, einzelne Hauptstädte herauszukaufen.

3. Präzise Gegenmaßnahmen an neuralgischen Punkten: Gegenzölle „nach dem Motto Zoll gegen Zoll“ sind verständlich, aber grob. Wirksamer sind zielgenaue Maßnahmen an neuralgischen Punkten: dort, wo US-Industrie empfindlich ist, wo Lieferketten eng sind, wo Wahlkreise reagieren. Und vor allem dort, wo Service- und Ersatzteilketten den Unterschied zwischen „läuft“ und „steht“ machen.

4. Der härteste Hebel ist Service, nicht Export: Bei High-End-Anlagen zählen Wartung, Updates, Ersatzteile. Ein „Wartungshebel“ erzeugt Unsicherheit und Unsicherheit wirkt in Verhandlungen oft stärker als ein offener Exportstopp.

5. Marktzugang konditionieren und Standards als Währung: Europas Markt ist eine Eintrittskarte. Wer ihn nutzen will, akzeptiert Bedingungen. Das ist weniger „Vergeltung“ als Neuverhandlung der Regeln.

Wichtig: Europa muss nicht sofort die härtesten Schritte ziehen. Aber es muss sie vorbereiten und glaubwürdig machen. In Verhandlungen wirkt nicht die Wut – sondern die Kalkulation.

Die Verhandlungsformel, die Trump am ehesten stoppt

Wenn die EU Trump bewegen will, muss sie zwei Botschaften gleichzeitig senden:

Deeskalationsangebot mit klarer Startrampe: „Europa bietet Gespräche an, aber setzt eine rote Linie: Über Sicherheitsfragen kann man reden, Grönland selbst ist keine Handelsware.“ Erpressung wird teuer: Wenn Sicherheitspolitik mit Strafzöllen erzwungen werden soll, reagiert die EU konsequent. Die glaubwürdige Gegenmacht: vorbereitete, zielgenaue Retorsionen entlang kritischer Lieferketten und, wenn nötig, Maßnahmen im Dienstleistungs- und Beschaffungsbereich über den EU-Rahmen.

Das Ziel ist nicht „Vergeltung“. Das Ziel ist, Trumps Kosten-Nutzen-Rechnung zu kippen: Am Ende muss Trump glauben, dass sein Kurs vor allem innenpolitisch (Preise, Lieferketten, Gegenmaßnahmen gegen US-Industrien) teurer wird als ein Rückzug – und dass eine zusätzliche strategische Isolierung der USA seinen Spielraum weiter einengt. Europas unterschätzter Hebel ist nicht Lautstärke. Es ist die Kombination aus Einheit, Präzision und dem Mut, Verwundbarkeit des Gegenübers sichtbar zu machen.

Risiken in Europa: Industrie und politische Nerven

Ja, es gibt Risiken auch auf EU-Seite. Teile der europäischen Industrie stehen ohnehin unter Druck (Überkapazitäten, harte Konkurrenz, Standortkosten). Ein Handelskonflikt kann diese Spannungen verschärfen. Genau deshalb ist eine präzise Strategie so wichtig: Europa darf nicht in einen Wirtschaftskrieg stolpern, der die eigene Verwundbarkeit größer macht als die des Gegners.

Wer aus Angst vor Kosten jede Gegenmacht unterlässt, zahlt am Ende mehr: in Wohlstand, in Zusammenhalt, in Handlungsfähigkeit.

Europas Macht liegt in Einheit, Präzision – und der Bereitschaft, „Nein“ zu sagen.

Trumps Grönland-Drohung ist ein Testfall. Nicht, ob Europa empört ist, sondern ob Europa handlungsfähig ist. Die EU hat Hebel: Lieferkettenmacht, Marktzugang, Standards, ein moderner Werkzeugkasten gegen wirtschaftliche Nötigung. Entscheidend ist, sie nicht nur zu besitzen, sondern sie auch glaubwürdig einzusetzen.

Denn in dieser Verhandlung gilt eine einfache Regel: Wer sich erpressen lässt, verhandelt künftig nur noch über den Preis der eigenen Souveränität.


Den vollständigen Artikel, der auf FOCUS online am 19.01.2026 erschienen ist, finden Sie hier.



Thorsten Hofmann, C4 Center for Negotiation

Thorsten Hofmann ist Lehrbeauftragter für wirtschaftliches und politisches Verhandlungsmanagement und Krisenkommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin. Er leitet das C4 Center for Negotiation.

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