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Brücken statt Brechstange: Der schwierige Start von Grün-Schwarz in Baden-Württemberg

Brücken statt Brechstange: Der schwierige Start von Grün-Schwarz in Baden-Württemberg

Koalitionsverhandlungen scheitern selten an Sachfragen. Sie scheitern an verletzten Egos, an Statusfragen und an der Unfähigkeit, vom Wahlkampfmodus in den Regierungsmodus zu wechseln. Verhandlungsexperte Thorsten Hofmann erklärt, wie Grüne und CDU den Machtpoker zu einem glücklichen Ende bringen.

Baden-Württemberg steht vor einer Regierungsbildung, die weniger von klaren Siegerposen lebt als von der Kunst, Gleichrangigkeit auszuhalten. Eine kommende Landesregierung aus Grünen und CDU könnte im Landtag äußerst bequem regieren. Sollten sich die zwei Parteien finden, stellen sie mehr als 70 Prozent der Abgeordneten im Parlament. Das gab es zuletzt 1992, als eine große Koalition aus CDU und SPD regierte.

Nun gibt es nach der Wahl zwar einen formalen Gewinner, die Grünen um Cem Özdemir, aber kein Machtgefälle, das die Rollen automatisch sortiert. Genau darin liegt der Kern der kommenden Koalitionsverhandlungen: Nicht eine Seite kann die andere „mit in die Regierung nehmen“. Beide müssen sich gegenseitig ermöglichen, ohne dass es wie nachgeben aussieht.

Genau diese Ambivalenz ist der Stoff, aus dem schwierige Koalitionsverhandlungen gemacht sind: Nicht die Sachfragen sind zunächst das Problem, sondern Status, Deutungshoheit und die Frage, wer wem etwas „schuldet“. Und weil das Ergebnis so eng ist, wird der Verhandlungsprozess selbst zur eigentlichen Bühne: Wo trifft man sich, wer wartet, wer setzt den Ton? Jede Geste wird zum Signal.

Patt als Ausgangspunkt – und als psychologischer Sprengsatz

In klassischen Konstellationen ist der Sieger der Taktgeber. Hier ist das anders. Die Grünen können sich auf Platz eins berufen, die CDU kann, bei nahezu gleichwertigem Ergebnis, plausibel beanspruchen, als ebenbürtiger Partner behandelt zu werden. Diese doppelte Erzählung macht das Patt gefährlich: Es erzeugt keine natürliche Hierarchie, sondern ein Ringen um Status. Was inhaltlich verhandelbar wäre, wird in der Praxis schnell zur Identitätsfrage: Wer führt? Wer zahlt den Preis? Wer darf am Ende behaupten, er habe sich nicht verbogen?

„Das Patt erzeugt keine natürliche Hierarchie, sondern ein Ringen um Status.“

Dass es über eine Woche dauerte, bis die Grünen eine Einladung an die Union aussprachen, passt genau in dieses Muster. In Patt-Lagen ist Zeit nicht neutral. Wer warten lässt, markiert Rang; wer zu schnell kommt, wirkt bedürftig. Es kann organisatorische Gründe geben – interne Abstimmungen, Gremien, Personalfragen –, aber die politische Wirkung bleibt: Das Zögern wird als Deutungsgeste gelesen. Und es ist der erste Moment, in dem sich entscheidet, ob diese Gespräche in eine Spirale der Kränkung geraten oder in eine Logik der Kooperation finden.

Özdemirs Challenge: Führung ohne Überheblichkeit

Für Cem Özdemir ist die Lage paradox: Er muss Führung zeigen, obwohl er nicht dominieren kann. Seine Aufgabe ist es, den Regierungsauftrag zu verkörpern, ohne den möglichen Partner zu demütigen. In einer Situation wie dieser wird Führung weniger daran gemessen, ob jemand „durchregiert“, sondern ob er die Architektur einer Einigung baut – mit Regeln, Ritualen und einem Takt, der beiden Seiten Luft zum Atmen lässt.

Das Problem: Ein personalisierter Wahlerfolg erhöht die Fallhöhe. Wenn die Verhandlungen stocken, wird die Frage schnell personalisiert – nicht als strukturelles Patt, sondern als Test seiner politischen Steuerungsfähigkeit. Und über allem schwebt der Schatten Kretschmanns: Ein Vorgänger, der als Stabilitätsfigur galt, als moderierender Koalitionsmanager, als politischer Beruhiger. Özdemir wird sich an diesem Bild messen lassen müssen. Auch dann, wenn die objektiven Voraussetzungen schwieriger sind.

Wenn keiner dominiert, verändert sich alles

Genau hier verschiebt sich die Logik. Wo keine Seite klar überlegen ist, wird das Verfahren zur Machtfrage. Es geht nicht nur um Inhalte, sondern um den Prozess: Wer kontrolliert das Tempo? Wer strukturiert die Arbeitsgruppen? Welche Themen werden zuerst geklärt? Die symbolischen oder die technischen? In Patt-Verhandlungen ist das „Wie“ oft entscheidender als das „Was“.

Und es gibt eine zweite Verschiebung: Drohpotenziale verlieren an Glaubwürdigkeit. Wenn eine Seite sagt „Dann eben ohne euch“, muss sie zeigen können, wie das überhaupt aussehen soll. Baden-Württemberg bietet wenig elegante Auswege.


Den vollständigen Artikel, der auf „Politik & Kommunikation“ am 18.032026 erschienen ist, finden Sie hier.



Thorsten Hofmann, C4 Center for Negotiation

Thorsten Hofmann ist Lehrbeauftragter für wirtschaftliches und politisches Verhandlungsmanagement und Krisenkommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin. Er leitet das C4 Center for Negotiation.

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